Der Handschriftenstreit hat Berlin erreichtSamstag, 30. September 2006
Der Streit um den Verkauf der Handschriften und der Protestbrief haben es inzwischen offensichtlich auf die nationale politische Ebene geschafft: „Kanzleramt greift in Streit um Handschriften ein“:
„Nun greift auch das Kanzleramt in den Streit um den geplanten Verkauf badischer Kulturgüter durch das Land Baden-Württemberg ein. Nach Medienberichten wird geprüft, ob die Bundesregierung ein Exportverbot für die Handschriften beantragen soll. Unterdessen wächst der Protest in der Wissenschaft.“ [weiter] Protest gegen den Verkauf der Karlsruher HandschriftenFreitag, 29. September 2006
Klaus Graf kritisiert bei Archivalia zu Recht, daß sich zum geplanten Verkauf der Handschriften aus der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe kaum Echo in den Blogs findet.
Deshalb möchte ich auf den Offenen Brief hinweisen, der Historikern die Möglichkeit gibt, mit ihrer Unterschrift gegen den Verkauf der Handschriften und die damit verbundene Zerstreuung einer einzigartigen Sammlung in alle Winde zu protestieren. Per E-Mail kann man sich in die Liste der renommierten Wissenschaftler aus aller Welt einreihen, die bereits den Offenen Brief an den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg und die Abgeordneten des Landtags von Baden-Württemberg unterzeichnet haben. Die Entwicklung der Proteste wird von Archivalia und Netbib dokumentiert, wo es seit einigen Tagen hoch hergeht. Hoffen wir, daß die Proteste erfolgreich sind! Licht aus der FinsternisMontag, 25. September 2006
So sah Valentin Ernst Löscher im Jahre 1725 das Mittelalter:
„Ich nenne die Historiam medii ævi und ihre Känntnüß ein Licht aus der Finsternüß. Denn es ist nicht nur in derselben alles dunckel, leer und wüste, wenn man zuerst hierein siehet, sondern die Schreib-Art, die Gebräuche, die Observatien, die Characteres und andere Sachen dieser Zeiten sind auch vor sich ziemlich finster und unangenehm, wenn wir sie zumahl gegen die Artigkeit und den Glantz der Griechischen und Römischen Dinge halten. Man geräth so zu sagen in ein wildes und ungebauetes Land, und muß eine Art der Fasten-Zeit, so viel die Nettigkeit des ingenii betrifft, ausstehen, wenn man sich in die Geschichte des sechsten Seculi biß auf das 15de einlässet: Daher auch die Gelehrten diese Zeiten obscura secula nennen. Indessen aber entstehet doch aus diesem Dunckel ein angenehmes und sehr nutzbares Licht, mehr als man glauben solte, ehe die Erfahrung es bewehret: Und ich kan wohl sagen, daß nichts in unsern Gesetzen, Sprachen, Sitten, Politischen Geschäfften, Sprüch-Wörtern, Kriegs-Künsten, u. s. f. sey, das nicht aus dem medio ævo ein besonderes Licht bekomme und daher erst recht verstanden werde. Wer diese Dinge nur nach ihrer jetzigen Gestalt ansiehet, der weiß nicht nur davon nichts rechtes wo sie herkommen, sondern siehet auch auch nicht wohl wo sie hin wollen, oder macht sich davon grossen Theils falsche Vorstellung, wie unter andern mit dem Feudal-Recht und der Sächsischen Gerade geschehen, und daher manches Unheil entstanden ist. Hat jemand gleich die alte Historie noch so wohl inne, so macht doch der grosse hiatus der Geschichte des Medii ævi, daß er gleichsam vom Wasser in das Feuer fällt, und lauter unglückselige applicationes und herleitungen macht, wenn er von den alten historischen Dingen auf die jetzigen schliesset, wie die Proben davon überall zur Schau liegen.“ Valentin Ernst Löscher, Die Historie Der Mittlern Zeiten, Als Ein Licht Aus der Finsternüß. Es wird zugleich gezeiget, Wie dieses Studium zu einem höhern Glantz und grössern Nutzen zu bringen sey (Leipzig 1725) 6 f. Kampf allem unwissenschaftlichen Arbeiten!Samstag, 12. August 2006
In der Uni stößt man immer wieder überall (Klowände, Bücher ...) auf lustige off topic Diskussionen. Über folgenden heiteren Schlagabtausch (den ich allerdings trotz der Pfeile nicht immer ganz verstehe) bin ich gestern in der Mittelalter-Abteilung gestoßen:
Gefunden in dem in der Reihe „Wege der Forschung“ erschienen Sammelwerk Friedrich Prinz (Hg.), Mönchtum und Gesellschaft im Frühmittelalter (Darmstadt 1976). Ludwig Bethmann in LeidenMittwoch, 9. August 2006
Auf meiner Suche nach Handschriften mit den Texten des Auxilius und des Vulgarius habe ich heute mal wieder in den Reiseberichten der Mitglieder der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde gelesen, die immer sehr unterhaltsam sind.
So schreibt Ludwig Bethmann über seinen Aufenthalt in Leiden 1839: „Die acht Wochen meines Aufenthalts in Leiden (14. Aug. – 18. Sept. und 4 – 27. Nov.) gehören mir durch die reiche Ausbeute aus den Schätzen der Universität und durch die Freundschaft des gelehrten und geistreichen Bibliothekars, Herrn Prof. Gell, zu den angenehmsten Zeiten meiner ganzen Reise. Es scheint der ganzen Musenstadt etwas inzuwohnen, wie ein Klima der Studien, das dort mehr als anderswo zum Arbeiten einlädt; so besonders in dem einfachen Arbeitszimmer der Bibliothek, nur durch die Bildnisse der großen Gelehrten Leidens geschmückt, aber den größten Schatz der Bibliothek enthaltend, die Handschriften. In ihnen besitzt Leiden nicht bloß für den Orient, Griechenland und Rom, sondern eben so sehr für das Mittelalter, eine Sammlung, die an Werth seinen naturhistorischen und ägyptischen Museen nicht nachsteht, und wie diese, den bedeutendsten Europas an die Seite tritt. Da sie nicht aus Klosterbibliotheken entstanden ist, so enthält sie nur sehr wenig von dem theologischen fond de boutique; ihre Sammler sahen fast durchweg auf den Werth der Handschriften. Diese stammen aus den verschiedensten Gegenden, besonders Frankreichs; hier sind Handschriften aus Corby, Limoges, Dijon, Rheims, Lüttich, Afflighem, Wiblingen, Werden; aus der Sammlung der Königin Christina; das Psalterium, woraus Ludwig der Heilige lesen lernte, u. a. Groß ist die Zahl der sehr alten; ein Bruchstück von der ältesten aller bekannten Handschriften Gregors von Tours aus dem siebenten Jahrhundert entdeckte ich als Bücherdeckel, freilich nur einige Blätter, aber von höchstem Werthe, weil sie beweisen, daß gerade diese älteste Handschrift die Capitel enthielt, die als untergeschoben angefochten sind, weil sie sich in keiner der ältesten Handschriften fanden. Noch fand ich hier eine Handschrift der Gesta Trevirorum, die des Lipsius vom Sigebert, eine Geschichte von den Kriegen der Bischöfe von Utrecht 1138–1223, und unbekannte Briefe und Formeln; benutzte außerdem die Handschriften Gregors, Prospers, Paulus Diakonus, Sigeberts, der markulfischen Formeln, der Papstgeschichte, Gerberts, Auxilius de Formosiana calamitate, Rotgers encyclica, die traditiones Werthinenses u. a., und untersuchte alle Handschriften, wobei Geels Gefälligkeit mir alle nur erwünschte Förderung zu Theil werden ließ. — Die Bibliothek der Gesellschaft für niederländische Sprache und Literatur eröffnete mir, auf Herrn Staatsraths Groen van Prinsterer zuvorkommende Empfehlung, der sehr gefällige Herr Bodel-Nieuwenhuys; sehr reich für jene Litteratur, enthielt sie für meine Zwecke gar nichts. — Auch die Herren Professoren Thorbeke, Bake und Dr. Jansen bewiesen mir viele Freundlichkeit, besonders auch Herr Professor Tydemann; unaufgefordert gab mir der freundliche Mann für alle Städte des Landes, wohin ich gehen wollte, eine Menge Empfehlungen, die mir überall die freundlichste Aufnahme bereitet haben; und das that er mit rechtem Vergnügen, und um, wie er sagte, die Gastfreundschaft zu vergelten, die er einst in Deutschland genossen.“ Ludwig Bethmann, Reise durch die Niederlande, Belgien und Frankreich, vom Junius 1839 bis September 1841, in: Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 8 (1843) 25–101, hier 30 f. Das FrühmittelalterSamstag, 5. August 2006
„ … und mit den Kreuzzügen beginnt das Mittelalter.“
So lautete der Schlußsatz des Berichtes über die derzeitige Canossa-Ausstellung in Paderborn, der am 27. Juli in der Sendung west.art ausgestrahlt wurde. Ich bin beim Durchschalten darüber gestolpert und war doch sehr verwundert. Aber auch das Anschauen der Wiederholung hat ergeben, daß der Satz offensichtlich so gemeint war, wie er gesagt wurde. Sowas ... Ist denn das Frühmittelalter kein Mittelalter? Forma urbis Romae digitalFreitag, 21. Juli 2006
Durch den neuesten Eintrag bei Towards an Archaeology of Iconoclasm bin ich seit langem mal wieder auf der Seite des Stanford Digital Forma Urbis Romae Projekts gelandet.
Die Forma Urbis Romae ist ein 18,1 m x 13 m großer Plan aus Marmor aus severischer Zeit, in den im Maßstab 1:240 die Grundrisse der Gebäude Roms eingeritzt wurden. Der Plan war im Templum Pacis befestigt, und noch heute kann man die Wand mit den Befestigungslöchern sehen. Leider ist die Forma Urbis Romae nicht mehr komplett erhalten. Übriggeblieben sind lediglich 1186 Teilchen, was 10–15 % des Gesamtplans entspricht. 87 Teilchen sind nur aus Renaissance-Zeichnungen bekannt. Das Stanford Digital Forma Urbis Romae Project hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Marmorplan zu rekonstruieren. Mittlerweile sind alle 1186 Teile in einer Datenbank erfaßt. Hochauflösende Fotos und 3D-Ansichten von den Teilchen, Scans von den Renaissance-Zeichnungen sowie Beschreibungen können online eingesehen werden. Interessant sind die experimentalarchäologischen Versuche, die das Team unternommen hat, um den verschiedenen Bruchmustern auf die Spur zu kommen. Bibliographie zum mittelalterlichen BuchDonnerstag, 20. Juli 2006
Und noch eine Bibliographie: Auf der diskus-Liste wurde vor einigen Tagen darauf aufmerksam gemacht, daß die Zeitschrift Gazette du Livre Médiéval ihre komplette Bibliographie (seit 1982, ohne Zeitschriftenartikel) auf ihrer Webseite zur Verfügung gestellt hat.
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