
Eine
digitalisierte Version der Collectio Hispana Gallica Augustodunensis (HGA) in der im Codex Vaticanus latinus 1341 überlieferten Form ist nun auf der Projektseite der
Edition der Falschen Kapitularien des Benedictus Levita bereitgestellt worden.
Die HGA leitet sich von der Collectio Hispana, näherhin von einer Unterform dieser spanischen Kirchenrechtssammlung, der Collectio Hispana Gallica, ab. Die Bezeichnung „Gallica“ erhielt diese Sammlung, weil sie ausschließlich in Gallien verbreitet war. Die eigentliche Hispana gliedert sich in zwei Teile: Sie besteht zum einen aus den griechischen, afrikanischen, gallischen und spanischen Konzilien (in der ursprünglichen Version bis zum Konzil Toledo V), zum anderen aus Dekretalen der Päpste von Damasus (366–384) bis Gregor dem Großen (590–604). Im Gegensatz zu dieser ursprünglichen Hispana enthält die Hispana Gallica zusätzlich die Konzilien Braga III und Toledo V–XIII, der Text ist jedoch stark verderbt und in Unordnung geraten.
Die Hispana Gallica Augustodunensis nun beinhaltet nicht nur eine korrigierte Fassung der Hispana Gallica, sondern weist neben der Hinzufügung einiger Einführungsstücke
[1] auch etliche Veränderungen und Interpolationen pseudoisidorischen Inhalts (Abwertung der Chorbischöfe, Schwächung des Laieneinflusses, Gerichtsverfahren etc.) auf. Lange Zeit nahm man an, daß es sich dabei um nachträgliche Zutaten aus den pseudoisidorischen Dekretalen handelte. So ließ Paul Hinschius sie für seine Edition unberücksichtigt – auch, weil er davon ausging, daß den Fälschern eine Hispana Gallica vorgelegen hatte, nicht eine Gallica Augustodunensis.
[2] Am Nachtragscharakter jedoch äußerten erstmals die Gebrüder Ballerini Zweifel, die bei ihrer Ausgabe der Werke Leos des Großen auch die in Rom befindlichen Pseudoisidor-Handschriften verglichen. Sie erwogen sogar, daß Pseudoisidor selbst an der Herstellung der Sammlung beteiligt gewesen sein könnte.
[3]
Aber erst Friedrich Maassen konnte in seinen 1884/85 erschienen Untersuchungen
[4] aufgrund des handschriftlichen Befundes und aufgrund von Textvergleichen zeigen, daß die HGA der pseudoisidorischen Fälschungswerkstatt selbst entstammt. Maassen hielt es für nicht unwahrscheinlich, daß „der Pseudoisidor, bevor er mit seinem vollen Apparat heraustrat, erst noch mit einigen Figmenten das Terrain zu sondiren für gerathen hielt“
[5]. Er charakterisierte die HGA abschließend als „eine Vorarbeit für die den Namen des
Isidorus Mercator an der Spitze führende Sammlung und eine selbständige, für die buchmässige Verbreitung bestimmte Form, welche dem grösseren Unternehmen die Wege bereiten sollte“
[6]. Wie Emil Seckel zeigen konnte, war die HGA schon dem Verfasser der Falschen Kapitularien des Benedictus Levita bekannt, der sie an mehreren Stellen benutzte.
[7] Die Sammlung muß somit zeitgleich mit oder schon vor den Pseudoisidorischen Dekretalen entstanden sein, spätestens aber zu Beginn der 850 Jahre.
[8] Sie war also ein „Ausstattungsstück im pseudoisidorischen Fälschungsbureau“, wie Emil Seckel schrieb.
[9]
Die HGA ist in nur einer einzigen vollständig erhaltenen Handschrift auf uns gekommen: dem Codex Vat. lat. 1341.
[10] Diese Handschrift des 9. Jahrhunderts verhalf der Collectio zu ihrem Namen, denn aufgrund verschiedener auf Autun bezogener Schriftstücke, die fol. 1r und 130ra in den Codex eingetragen worden waren, ging man lange Zeit von Autun als Herkunftsort dieser Handschrift aus. Bernhard Bischoffs Untersuchungen zufolge ist sie jedoch in Corbie entstanden.
[11]
Sie besteht aus 189 Folia, die Sammlung selbst umfaßt die Folia 1v bis 185v. Sie weist allerdings einen größeren Defekt auf: Zwischen
fol. 115v und
fol. 116r fehlt eine Lage, so daß das Ende von Braga III, das komplette Konzil von Sevilla I sowie der Anfang von Sevilla II nicht vorhanden sind.
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[1] Joachim
Richter, Stufen pseudoisidorischer Verfälschung. Untersuchungen zum Konzilsteil der pseudoisidorischen Dekretalen, in: ZRG Kan. 64 (1978) S. 1–72, hier S. 18 f.; Friedrich
Maassen, Pseudoisidor-Studien II: Die Hispana der Handschrift von Autun und ihre Beziehungen zu Pseudoisidor, in: Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse 109 (1885) S. 801–860, hier S. 803.
[2] Paul
Hinschius, Decretales Pseudo-Isidorianae et Capitula Angilramni (Leipzig 1863) S. LXXXIII.
[3] Pietro und Girolamo
Ballerini, De antiquis collectionibus et collectoribus canonum (Migne PL 56) Sp. 233.
[4] Friedrich
Maassen, Pseudoisidor-Studien, in: Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse 108 (1884) S. 1061–1104 und 109 (1885) S. 801–860.
[5] Maassen, Pseudoisidor-Studien 2 S. 857.
[6] Maassen, Pseudoisidor-Studien 2 S. 859.
[7] Emil Seckel, Studien zu Benedictus Levita I–VIII, in: NA 26, 29, 31, 34, 35, 39, 40, 41 (1901, 1904, 1906, 1909, 1910, 1914, 1015, 1919) sowie aus dem Nachlaß herausgegeben von Josef
Juncker, in: ZRG Kan 23 und 24 (1934 und 1935), online auf den Seiten des
Benedictus Levita Projekts.
[8] Horst Fuhrmann, Einfluß und Verbreitung der pseudoisidorischen Fälschungen. Von ihrem Auftauchen bis in die neuere Zeit, Bd. 1 (Schriften der Monumenta Germaniae Historica 24, 1) Stuttgart 1972 S. 160 f.
[9] Emil
Seckel, Pseudoisidor, in: Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche3 16 (1905)
S. 295.
[10] Zu den weiteren Handschriften (1. Cod. Berlin, Staatsbibliothek Preuß. Kulturbesitz Hamilton 132, 2. Cod. Eton, College Library 97, 3. Cod. Paris, Bibl. Nat. lat. 3855 sowie den verschollenen Handschriften aus Beauvais, Laon und Noyon) vgl.
Richter, Stufen S. 23–31.
[11] Zu Autun als Herkunftsort:
Fuhrmann, Einfluß S. 151 Anm. 23 mit weiterer Literatur und zu den späteren Einfügungen
Richter, Stufen S. 16 f. Anm. 96 und
Maassen, Pseudoisidor-Studien 2 S. 801–803.
Zu Corbie als Herkunftsort vgl.
Richter, Stufen S. 16 f. Anm. 98, der sich auf Hubert
Mordek, Kirchenrecht und Reform im Frankenreich. Die Collectio Vetus Gallica, die älteste systematische Kanonessammlung des fränkischen Gallien. Studien und Edition (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 1) Berlin 1975 S. 252 bezieht. Mordek macht leider keine Literaturangabe zu Bischoffs Einschätzung.
[12] Biblioteca Apostolica Vaticana. A catalogue of canon and Roman law manuscripts in the Vatican Library, Bd. 1: Codices Vaticani latini 541–2299, hrsg. von Stephan
Kuttner (Biblioteca Apostolica Vaticana. Studi e testi) Città del Vaticano 1986, S. 78–80.
Auf folgende bibliothekarische Notiz bin ich gestern auf dem Schmutzblatt der Handschrift Wien, Österreichische Nationalbibliothek, lat. 411, die die sogenannte Hispana Gallica (auf die die HGA zurückgeht) enthält, gestoßen: Der Codex ist seit Verbrenn
Aufgenommen: Jan 12, 23:00