So sah
Valentin Ernst Löscher im Jahre 1725 das Mittelalter:
„Ich nenne die
Historiam medii ævi und ihre Känntnüß ein Licht aus der Finsternüß. Denn es ist nicht nur in derselben alles dunckel, leer und wüste, wenn man zuerst hierein siehet, sondern die Schreib-Art, die Gebräuche, die
Observatien, die
Characteres und andere Sachen dieser Zeiten sind auch vor sich ziemlich finster und unangenehm, wenn wir sie zumahl gegen die Artigkeit und den Glantz der Griechischen und Römischen Dinge halten. Man geräth so zu sagen in ein wildes und ungebauetes Land, und muß eine Art der Fasten-Zeit, so viel die Nettigkeit des
ingenii betrifft, ausstehen, wenn man sich in die Geschichte des sechsten
Seculi biß auf das 15de einlässet: Daher auch die Gelehrten diese Zeiten
obscura secula nennen.
Indessen aber entstehet doch aus diesem Dunckel ein angenehmes und sehr nutzbares Licht, mehr als man glauben solte, ehe die Erfahrung es bewehret: Und ich kan wohl sagen, daß nichts in unsern Gesetzen, Sprachen, Sitten, Politischen Geschäfften, Sprüch-Wörtern, Kriegs-Künsten, u. s. f. sey, das nicht aus dem
medio ævo ein besonderes Licht bekomme und daher erst recht verstanden werde.
Wer diese Dinge nur nach ihrer jetzigen Gestalt ansiehet, der weiß nicht nur davon nichts rechtes wo sie herkommen, sondern siehet auch auch nicht wohl wo sie hin wollen, oder macht sich davon grossen Theils falsche Vorstellung, wie unter andern mit dem
Feudal-Recht und der Sächsischen Gerade geschehen, und daher manches Unheil entstanden ist.
Hat jemand gleich die alte Historie noch so wohl inne, so macht doch der grosse
hiatus der Geschichte des
Medii ævi, daß er gleichsam vom Wasser in das Feuer fällt, und lauter unglückselige
applicationes und herleitungen macht, wenn er von den alten historischen Dingen auf die jetzigen schliesset, wie die Proben davon überall zur Schau liegen.“
Valentin Ernst Löscher, Die Historie Der Mittlern Zeiten, Als Ein Licht Aus der Finsternüß. Es wird zugleich gezeiget, Wie dieses Studium zu einem höhern Glantz und grössern Nutzen zu bringen sey (Leipzig 1725) 6 f.
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